Im Stadion, bei Union Berlin.
Im Prenzlauer Berg gibt es ja immer einiges zu entdecken. Ein bunter Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem das bunte Leben seine eigenen Stilblüten entfaltet und der Mensch noch so etwas wie ein Mensch sein darf. Es gibt alles: nette Boutiquen, kleine Plattenläden, die Kulturbrauerei, tolle Bars und extravagante Nachbarn. Das Handwerk ist so gut wie ausgestorben, wenn es sich nicht um Kunsthandwerk handelt und proletarisch sind nur noch manche Diskussionen im Rausche des erhöhten Alkoholkonsums, wenn die blaue Stunde längst vergangen ist und im Morgengrauen die ersten Berufspendler zur Arbeit eilen, in einen der schicken Lofts rund um die Kastanienallee. Filmemacher und Musiker leben neben Autoren und anderen Freiberuflern, Berufspolitiker und Ministerialangestellte wohnen Tür an Tür mit Studenten und anderen Lebenskünstlern. Das Leben ist schön und schön sind auch die Wochenenden, wenn die Aktentaschen zu Hause bleiben und die Muse der Freiheit Einzug in den Kiez hält.
Seit ein paar Monaten gibt es jetzt einen Gast im Prenzlauer Berg, der nicht von allen gerne gesehen ist. Ein Gast, der laut grölend und singend die Straßen rund um den Mauerpark bevölkert und Fahnenschwingend Bier aus Dosen trinkt. Ein Gast, der meistens in großen Scharen auftritt und den eine Liebe eint: die Liebe zum König Fußball und den Eisernen vom FC Union Berlin.
Union Berlin, der ehemalige Kultuklub des DDR Fußballs, weil er dort die subversiven Tendenzen der DDR versammelte, ist der zweite große Berliner Hauptstadtverein und normalerweise in Berlin Köpenick beheimatet. Dort, wo der Hauptmann und seine Mannen schon vor hundert Jahren ihren Husarenstreich vollzogen, machen sich die Eisernen nun auf den Weg, sein legitimes Erbe anzutreten. Sie führen die dritte Liga im deutschen Profifußball mit nunmehr sechs Punkten Vorsprung an und stehen kurz davor in die höhere Klasse aufzusteigen. Da der DFB vor der Saison den Unionern untersagte seine Heimspiele im Stadion An Der Alten Försterei auszutragen, bis dieses endgültig saniert ist, musste ein Ausweichquartier gewählt werden – und eben dieses Quartier fand man im Prenzlauer Berg, im altehrwürdigen Friedrich Ludwig Jahn Sportpark, direkt am Mauerpark.
Das Stadion im Jahn Sportpark zählte zu den größten Stadien der ehemaligen DDR. Über 35.000 Menschen fanden hier Platz und bot dem Stasi Klub BFC Dynamo eine sportliche Heimat. BFC Dynamo Berlin, dem meist gehassten Verein der ehemaligen deutschen demokratischen Republik, weil Erich Mielke höchstselbst dafür sorgte, das seinem Verein Meisterschaften und Pokale zu fielen und die Schiedsrichter gerne mal eine Auge zu drückten, in der ein oder anderen Situation.
Jetzt also spielt der FC Union Berlin seine Heimspiele im Stadion aus, was von vielen Union Fans nicht gerne gesehen wird. Die geben sich da die Klinke in die Hand mit vielen Bewohnern und Anwohnern, die der Lärm stört und erst recht die Ansicht eines richtigen Ultras – einem sehr überzeugten Fan seines Vereins, der manchmal gewissermaßen über ein gewisses Konfliktpotential verfügt, gerade wenn sein Verein Union verlieren sollte. Aber die Ironie der Geschichte liegt nun darin, dass Union Berlin in dieser Saison noch keines seiner dreizehn Heimspiele zu Hause verloren hat. Im Gegenteil, dreizehn Siege stehen zu Buche und bilden das stabile Fundament ernsthaft um den Aufstieg in die zweite Bundesliga aufzusteigen.
An diesem Wochenende war ein anderer Kultverein zu Gast bei den Berlinern. Dynamo Dresden, die glorreiche Ostmannschaft, die so herausragende Kicker wie Ulf Kirsten, Thorsten Gütschow oder Matthias Sammer hervorbrachte und mehrmaliger Meister des Ostfußballs gewesen ist. Ein Duell zweier Traditionsvereine, das für Berliner Verhältnisse regelrecht Massen anlockte, die diesem Spiel beiwohnen mochten. Trotz Regen und großem Polizeiaufgebot, denn die Dresdner Fans sind bekannt für ihre aggressive, rassistische Verhaltensweise, und trotz Live Übertragung des RBB zog es fast 14.000 Zuschauer ins Stadion. Zuschauerrekord in der laufenden Saison für Union Berlin, und das auch noch im Jahnsportpark.
Die Berliner gewannen dieses Spiel zum Schluss mit 2 – 1 und die Stimmung war prächtig. Ich hatte die Gelegenheit mit vielen Zuschauern zu sprechen und unterhielt mich über verschiedene Gründe, warum man denn ausgerechnet heute, bei diesem Wetter, ins Stadion gehen sollte: “Nun ja”, sagte mir zum Beispiel Jeremias, “ich wollte schon immer mal ein Spiel von Union sehen, da ich gleich hier vorne in der Oderbergerstraße lebe und ich immer höre, wenn hier was los ist. Und klar mag ich Fußball, mir als Wessi sind die Dresdner da auch noch als großer Name in Erinnerung.” Und wie Jeremias erging es vielen, mit denen ich sprach. Es hatte sich in der Woche durch die Medien verbreitet, das Union Tabellenführer ist und Dynamo Dresden zum alten Ost Derby zu Gast ist, da zog es einfach auch mal viele Menschen an, die sonst Sonntags immer einen großen Bogen um das Stadion machen. Hendrik fragte ich, ob sein erster Stadionbesuch heute auch so etwas wie der Abbau von Vorurteilen sei? “Ja, gewiss, ich habe vorher immer gedacht hier würden nur Hooligans zuschauen, aber die Stimmung ist super und hier schauen wirklich viele Kinder und Frauen zu!” Ob das denn etwas ungewöhnliches für ihn sein? “Ich komme aus Braunschweig, da haben nie so viele Familien Fußball geschaut!”
Einen Familienvater, der seine zwei Kinder zum Schluss aus dem Stadion führte, fragte ich zum Abschied, ob es das erste Spiel der Unioner gewesen sei, das er gesehen habe: “Ja, und es war sicherlich nicht das letzte Spiel. Super, das Spiel, die Stimmung und das Stadion, wir kommen wieder!”
Und so hat sich für mich zum Abschied ein kleiner Kreis geschlossen. Ich wollte unbedingt einmal in das Stadion gehen und dort ein Fußballspiel anschauen, solange ich noch die Gelegenheit habe und die Unioner nicht in ihr altes Stadion in Köpenick zurück ziehen. Und ich wollte dort die Menschen sehen, die für die Eisernen einstehen. Es waren wirklich sehr viele Menschen dort, die ich vorher nicht erwartet habe. Sicherlich, ein paar laute Fans, ein paar ruhige Fans – eben richtige Fußballfans. Und das ist es schließlich, was den Prenzlauer Berg auch ausmacht: leben und leben lassen. Die Anlieger und Nachbarn sollten sich nicht über die Massen beschweren, es ist schließlich ein Fußballstadion, das schon länger dort steht als die Menschen dort wohnen. Und die Tradition des Jahnsportpark ist älter, als die meisten Bewohner selber, die sich manchmal beschweren. Und wer sich einmal die Mühe macht ein Spiel dort zu sehen, der wird in 90 Minuten mehr Kulturgeschichte des Fußballs erfahren und erleben, als eine Sportschau je zu senden vermag. Ich bin dankbar, das die Eisernen hier zu Gast sind. Und insgeheim hoffe ich in den nächsten Jahren vielleicht noch das ein oder andere Spiel dort zu sehen.
