Monatsarchiv für Dezember 2008

 
 

Aus der Plattensammlung: Animal Collective

Ich mag vor allem den subversiven Ton von Animal Collective. Wer Rock n´ Roll mag, der wird in seinen Grundfesten des Zuhörens bei dieser Musik erschüttert werden. Stereotype Gehörmuster helfen dem Menschen natürlich tagtäglich zwischen sehr wichtigen und weniger wichtigen Reflexionen der Schallwellen zu unterteilen, sie vereinfachen, grundsätzlich.
Ein kurzer Einwand: nein, zu einem späteren Zeitpunkt möchte ich mich erst zur Subversionstendenz von Animal Collective äußern, jetzt soll es um Glück gehen.
Wenn Empfindung von momentanen Gefühlen Glück beschreiben kann, wie beschreibt man dann den Zustand der ausgelöst wird, wenn man die US-amerikanische Band Animal Collective erst hört?
Es gibt in meinen Augen eine direkte Kausalität zwischen subversivem Grunch einer Musikband und zwischenzeitlichen Glücksgefühlen.
Glücksgefühle kommen bei unberechenbaren Sinneswandlungen daher und erheben einen Moment. Und eben dieser erhabene Augenblick ist bei den kollektiven Tieren um Sänger David Portner und Noah Lennox zu fühlen, sobald man ihr gemeinsames Meisterwerk Feels aus dem Jahr 2005 hört.
Von einer Sekunde auf die andere produziert der Körper des geneigten Zuhörers überdurchschnittlich viel Endorphin und hochgradige Erregung durchfährt den Körper bei den ersten Takten des Openers “Did you see the words”. Hier wird wahrlich nicht gespart mit Überraschungen – die aufgebaute rhythmische Eleganz erinnert in keiner Form an die stereotypen Hitchens mittelmäßiger Indiebands, die für ein paar Radiowochen aus der großen Masse talentierter Musiker ausscheren und die in keinen Club mehr gehen können, weil es ziemlich uncool ist auf eigene Musik zu tanzen und tanzen soll ja den Tanzenden glücklich machen.

Bei Animal Collective liegt die Sache anders.
Bei “Did you see the words” hört man zu Beginn tanzende Kinder, deren ungetrübte Freude langsam im Echowiederhall der eintretenden Musik verschwindet und durch die Spielfreude eines eintretenden Stakato des Schlagzeuges abgelöst wird. Die Band steigert sich eher vorsichtig einem ersten Höhepunkt entgegen, der dann erreicht wird, wenn die Band gemeinsam den Refrain singt, und das mutet wundervoll psychodelisch an und intensiviert die Musik noch einmal, weil Animal Collective davon überzeugt sind was sie singen. Und während die Gruppe singt, schleichen die Instrumente unaufhörlich ins Ohr, denn sie ergänzen sich zum Text und mit jeder wortlichen Betonung intoniert die Gitarre zum Beispiel einen dazu passenden Ton. Mal hoch, mal tief, mal verzerrt und mal sehr sauber aber immer unerwartet und durchdacht. Die verwinkelte Musik klingt wie ein gut organisiertes Chaos, bei dem jedes Teil seine festen Aufgaben hat – ein Orchester, das sich beim Einspielen von einander entfernt, jedoch zum Refrain urplötzlich und nicht erwartet in einem musikalischen Kontext agiert, als spielten sie schon ewig die gleiche Melodie. Das ist großartige Subversion. Die Musik wird in Einzelteile zersetzt und trifft sich in einer neuen Ordnung wieder, die umso schöner ist, weil die Summe der einzelnen Teile ein Ganzes ergibt.
Deutlich wird diese höhere Mathematik der Musik bei “Grass”, einer kleinen Abhandlung über die Liebe. Schon die ersten Takte klingen wie die Eingangsmelodie ins Paradies, willkommen im Garten Eden der Musik. Es ist als nehmen Animal Collective den Besucher an die Hand und es ist immer wie so oft mit Fremden: lässt man sich auf eine unglaublich schöne Entdeckungstour ein oder wartet man lieber am Ausgang, zum dritten Song auf dem Album. Wer warten möchte verpasst allerdings einen traumhaft schönen Ausflug. Die Gruppe beginnt also schon bald die Vielfalt des Paradieses zu beschreiben. Jeder macht das auf seine eigene Art und Weise, Klangvielfalt durch und durch und aus dem großen Oben zusammengehalten durch die wunderbare Stimme. “My nose was screaming that you smelled like a lover” singt es und jeder der diesen Zusammenhang hört fühlt sich wie ein Liebender, der die Message aus dem Off verstanden hat. Die Musik macht uns zu Liebenden, die bereit sind einer Stimme zu folgen. Es ist ein großes Collectivism das da durch die Beine geht, hören, verstehen und fühlen – dabei frei sein von popoesken Durchschnittsschrott. Was ist der schon wert, wenn man die Gelegenheit hat die heilige Eva höchstselber am Apfelbaum begrüßen zu dürfen, so, wie Gott uns schuf?

Animal Collective schaffen es wirklich die Zuhörer auszuziehen und von den üblichen Blockaden zu befreien. Grunge ist mehr als kollektives Verstehen von Popmusik, Grunge ist die Mutter aller Töne. Die auf der anderen Seite allgemeingültigen Rhythmen ewig junger Indie Bands, die ewig gleichenden Schlagzeuge , obligatorischen Synthie Beats, dieser neumodische Sheffield Sound, die unser Gehör dort draußen nur noch ungehört verarbeitet und uns einredet diese ewig gleichen Neuigkeiten machen uns glücklich, die machen uns in Wirklichkeit gar nicht glücklicher. Das ist Betäubung, keine Bestäubung einer hübschen Fortuna.

Der Mensch liebt das Chaos und unterbewusst ist die Welt ein geordnetes Chaos, in dem alles seine Kausalität hat. Durch Subversion kann man sich dem Kern dieses Chaos geordnet nähern, es umrunden und verstehen lernen und aus der dicken Box da hinten im VIP Raum der Indiedisko, da hört man ganz klar und deutlich die unverwechselbaren Töne einer US-amerikanischen Indie Band. Dort in diesem Teil der Rock n´Roll Hölle sind Animal Collective zu Hause. Und machen uns glücklich!

Animal Collective
Feels
One Little Records, Rough Trade
Veröffentlicht: 14. Oktober 2005

Abwechslungsreich

Das Buch „TV-LOUNGE – In- und Auslandsverbindungen” vereint fünf Erzählungen des gebürtigen Hamburgers Carsten Klook. An verschiedenen Handlungsplätzen lässt der Schriftsteller Personen auftreten, die alle eine tiefe, innere Unsicherheit vor dem Unvorhergesehenem eint. Er beschreibt Menschen, die mit anderen Menschen beschäftigt sind, aber noch viel mehr mit sich selber. Dabei kann man getrost die ersten drei Erzählungen überspringen und sich den letzten beiden annähern, denn nur diese sind Klook gelungen. Eine der beiden heißt „Elastische Füllung”. Hier wird man Beobachter eines Dramas, das sich vor finnischem Kulisse abspielt. Seidel, stolzer Sportwagenbesitzer und Agenturchef, in dieser Wertigkeit, fährt mit Caren in den Finnland Urlaub. Auf dieser Reise nimmt das Drama seinen Lauf, je mehr man über die beiden Personen erfährt, die am Anfang der Geschichte nur undeutlich umrissen werden. Nach und nach werden in dieser Geschichte biographische Informationen gestreut, die immer einer Lebensvorstellung gegenüber gestellt werden. Diese sind geprägt von Ängsten, Verzweiflung und Unruhe. Die Personen haben eine Idee von sich selber, die sich aber nicht mit der Wirklichkeit verträgt. Zum Schluss kommt es nicht nur in dieser Geschichte zu einer Trennung. Von einem Partner oder von einer eigenen Lebensvorstellung.

Die Sprachakrobatik des Schriftsteller wirkt teilweise etwas angestrengt. Aus dieser Anstrengung heraus entstehen Irritationen für den Leser, die manchmal im Verständnis für die Protagonisten nicht sehr hilfreich sind. Es ist schwer den emotionalen, gedanklichen Verstrickungen zu folgen. Dort wo der Autor aber eine Geschichte wachsen lässt, den Handlungsrahmen enger strickt, wie in den letzten beiden Erzählungen, öffnet sich dem Leser eine Welt die er deutlicher verstehen kann, geprägt durch die Phänomene der heutigen Zeit: der Suche nach dem Sinn und dem Mangel an Klarheit. Die Helden und Heldinnen des Alltags schrumpfen dann in sich zusammen und sind dadurch völlig überfordert mit dem Leben umzugehen.

Carsten Klook
TV-LOUNGE – In- und Auslandsverbindungen
Textem Verlag
TB: 185 Seiten
20.März 2007

Preis: 14 Euro

Ein wirklich schöner Liebesroman

Der in Berlin lebende Autor René Hamann, der bisher vor allem durch Lyrik auf sich aufmerksam machte, schreibt mit dem Buch „Schaum für immer” einen hoffnungsvollen Debütroman. Man darf schon jetzt gespannt darauf sein, was der Autor noch zu bieten hat. Sein Debüt ist ihm gelungen, was vor allem an der Vielzahl seiner wichtigen Protagonisten und dem eigenwilligen Erzählstil liegt. Der Leser begegnet zuerst Schumann, der mit Valerie anbändelt. Valeria ist die Freundin von Ralf, der ein Freund von Schumann ist. Ralf selber verbringt gerade Zeit mit seiner alten Jugendliebe Stina, die er beim Besuch der Mutter in Oldenburg wieder trifft. Und dann ist da auch noch Lukas, alter Freund von Schumann und Ralf. Der dritte Mann im Bunde lernt gerade seine Nachbarin Nadja kennen, deren alte Freundin Stina die Affäre mit Ralf hat. Und als ob das noch nicht genug wäre mit diesen Rahmenumständen, die ein hormonelles Feuerwerk auslösen, spielt Linda, die Schumann in einem Café kennenlernt, auch noch eine wichtige Rolle. Am Ende, bekommen alle irgendwie das ihnen zustehende, es ergibt ein großes Ganzes, in dem die einzelnen Fäden miteinander verworren sind. Nur Schumann geht leer aus, die Liebe gibt es für ihn leider nur im Märchen.

René Hamann schreibt seinen Roman wie eine bunte Collage. Er reiht Situationen und Gedanken der Figuren aneinander, ohne eine Gesetzmäßigkeit erkennen zu lassen. Wie die Liebe selber wirkt das Buch: unberechenbar. Mühelos hält der Debütant die Stricke des Romans in der Hand, in dem zeitlich verschoben, parallel und kontinuierlich ein Bild des Liebeswahn entsteht. Er resümiert an den richtigen Stellen, baut reflexive Gedanken der Hauptdarsteller ein und verliert das Ende der Geschichte zu keiner Zeit aus seinen Augen. Dieses Auge wirkt auf den Leser wie eine unsichtbare Kamera, die alle Ereignisse umkreist und das Geflecht der Beziehungen aus verschiedenen Perspektiven auslotet. René Hamann ist mit seinem Debüt ein sehr schöner Liebesroman gelungen, über die Liebe und über die Freundschaften, die dahinter stecken.

René Hamann
Schaum für Immer
Roman
Tisch 7 Verlag
18,90 €