Aus der Plattensammlung: Animal Collective
Ich mag vor allem den subversiven Ton von Animal Collective. Wer Rock n´ Roll mag, der wird in seinen Grundfesten des Zuhörens bei dieser Musik erschüttert werden. Stereotype Gehörmuster helfen dem Menschen natürlich tagtäglich zwischen sehr wichtigen und weniger wichtigen Reflexionen der Schallwellen zu unterteilen, sie vereinfachen, grundsätzlich.
Ein kurzer Einwand: nein, zu einem späteren Zeitpunkt möchte ich mich erst zur Subversionstendenz von Animal Collective äußern, jetzt soll es um Glück gehen.
Wenn Empfindung von momentanen Gefühlen Glück beschreiben kann, wie beschreibt man dann den Zustand der ausgelöst wird, wenn man die US-amerikanische Band Animal Collective erst hört?
Es gibt in meinen Augen eine direkte Kausalität zwischen subversivem Grunch einer Musikband und zwischenzeitlichen Glücksgefühlen.
Glücksgefühle kommen bei unberechenbaren Sinneswandlungen daher und erheben einen Moment. Und eben dieser erhabene Augenblick ist bei den kollektiven Tieren um Sänger David Portner und Noah Lennox zu fühlen, sobald man ihr gemeinsames Meisterwerk Feels aus dem Jahr 2005 hört.
Von einer Sekunde auf die andere produziert der Körper des geneigten Zuhörers überdurchschnittlich viel Endorphin und hochgradige Erregung durchfährt den Körper bei den ersten Takten des Openers “Did you see the words”. Hier wird wahrlich nicht gespart mit Überraschungen – die aufgebaute rhythmische Eleganz erinnert in keiner Form an die stereotypen Hitchens mittelmäßiger Indiebands, die für ein paar Radiowochen aus der großen Masse talentierter Musiker ausscheren und die in keinen Club mehr gehen können, weil es ziemlich uncool ist auf eigene Musik zu tanzen und tanzen soll ja den Tanzenden glücklich machen.
Bei Animal Collective liegt die Sache anders.
Bei “Did you see the words” hört man zu Beginn tanzende Kinder, deren ungetrübte Freude langsam im Echowiederhall der eintretenden Musik verschwindet und durch die Spielfreude eines eintretenden Stakato des Schlagzeuges abgelöst wird. Die Band steigert sich eher vorsichtig einem ersten Höhepunkt entgegen, der dann erreicht wird, wenn die Band gemeinsam den Refrain singt, und das mutet wundervoll psychodelisch an und intensiviert die Musik noch einmal, weil Animal Collective davon überzeugt sind was sie singen. Und während die Gruppe singt, schleichen die Instrumente unaufhörlich ins Ohr, denn sie ergänzen sich zum Text und mit jeder wortlichen Betonung intoniert die Gitarre zum Beispiel einen dazu passenden Ton. Mal hoch, mal tief, mal verzerrt und mal sehr sauber aber immer unerwartet und durchdacht. Die verwinkelte Musik klingt wie ein gut organisiertes Chaos, bei dem jedes Teil seine festen Aufgaben hat – ein Orchester, das sich beim Einspielen von einander entfernt, jedoch zum Refrain urplötzlich und nicht erwartet in einem musikalischen Kontext agiert, als spielten sie schon ewig die gleiche Melodie. Das ist großartige Subversion. Die Musik wird in Einzelteile zersetzt und trifft sich in einer neuen Ordnung wieder, die umso schöner ist, weil die Summe der einzelnen Teile ein Ganzes ergibt.
Deutlich wird diese höhere Mathematik der Musik bei “Grass”, einer kleinen Abhandlung über die Liebe. Schon die ersten Takte klingen wie die Eingangsmelodie ins Paradies, willkommen im Garten Eden der Musik. Es ist als nehmen Animal Collective den Besucher an die Hand und es ist immer wie so oft mit Fremden: lässt man sich auf eine unglaublich schöne Entdeckungstour ein oder wartet man lieber am Ausgang, zum dritten Song auf dem Album. Wer warten möchte verpasst allerdings einen traumhaft schönen Ausflug. Die Gruppe beginnt also schon bald die Vielfalt des Paradieses zu beschreiben. Jeder macht das auf seine eigene Art und Weise, Klangvielfalt durch und durch und aus dem großen Oben zusammengehalten durch die wunderbare Stimme. “My nose was screaming that you smelled like a lover” singt es und jeder der diesen Zusammenhang hört fühlt sich wie ein Liebender, der die Message aus dem Off verstanden hat. Die Musik macht uns zu Liebenden, die bereit sind einer Stimme zu folgen. Es ist ein großes Collectivism das da durch die Beine geht, hören, verstehen und fühlen – dabei frei sein von popoesken Durchschnittsschrott. Was ist der schon wert, wenn man die Gelegenheit hat die heilige Eva höchstselber am Apfelbaum begrüßen zu dürfen, so, wie Gott uns schuf?
Animal Collective schaffen es wirklich die Zuhörer auszuziehen und von den üblichen Blockaden zu befreien. Grunge ist mehr als kollektives Verstehen von Popmusik, Grunge ist die Mutter aller Töne. Die auf der anderen Seite allgemeingültigen Rhythmen ewig junger Indie Bands, die ewig gleichenden Schlagzeuge , obligatorischen Synthie Beats, dieser neumodische Sheffield Sound, die unser Gehör dort draußen nur noch ungehört verarbeitet und uns einredet diese ewig gleichen Neuigkeiten machen uns glücklich, die machen uns in Wirklichkeit gar nicht glücklicher. Das ist Betäubung, keine Bestäubung einer hübschen Fortuna.
Der Mensch liebt das Chaos und unterbewusst ist die Welt ein geordnetes Chaos, in dem alles seine Kausalität hat. Durch Subversion kann man sich dem Kern dieses Chaos geordnet nähern, es umrunden und verstehen lernen und aus der dicken Box da hinten im VIP Raum der Indiedisko, da hört man ganz klar und deutlich die unverwechselbaren Töne einer US-amerikanischen Indie Band. Dort in diesem Teil der Rock n´Roll Hölle sind Animal Collective zu Hause. Und machen uns glücklich!
Animal Collective
Feels
One Little Records, Rough Trade
Veröffentlicht: 14. Oktober 2005
