Es gibt keine eindeutigen Hinweise, dass Herr Polgar schwul ist. Andererseits gibt es auch keine Hinweise darauf, dass er nicht schwul ist. Herr Polgar lebt vor sich hin ohne sich mit dem Thema der Sexualität ernsthafter zu beschäftigen! Natürlich, er ist sehr angetan von hübschen Frauen denen, er begegnet und von denen gibt es in Berlin auch genug, und natürlich träumte er früher von Marion oder Elke, den beiden schönsten Mädchen in seiner Klasse. Später, während seiner Ausbildung zum Verwaltungsfachmann in Ost Berlin, interessierte er sich wie so viele andere Jungs in seiner Klasse für seine Lehrerin Frau Sybille Vornhagen, der Lehrerin in der Lehre des Kommunismus. Er träumte oft von ihrem schönen Busen, den sie im Sommer immer in viel zu engen Nylon T-Shirts zur Schau stellte, oder er träumte nachts davon, zwischen ihren kräftigen Schenkeln zu liegen.
Das Thema Sexualität in seinem Bewusstsein erlosch urplötzlich, als ihn eines Tages einige Nachbarinnen und Freundinnen seiner Mutter dabei überraschten, als er still und heimlich in der Badewanne onanierte. Er hatte damals ganz vergessen, dass an diesem Tag das wöchentliche Kaffeetrinken bei seiner Mutter stattfinden sollte, und darüber hinaus hatte er vergessen die Badezimmertür abzuschließen, zumal seine Mutter bei Eintreffen der Freundinnen aus dem Mietsblock unbedingt den neuen Duschvorhang zeigen wollte, den sie günstig kaufen konnte, auf dem Schwarzmarkt für Westwaren in Hohenschönhausen.
Ach, es war ein peinlicher Augenblick, für die Mutter, die Freundinnen und vor allem für Theobald Polgar. Er fingerte gerade mit geschlossenen Augen an seinem Penis, als ein Dutzend älterer Hausfrauen in das kleine Badezimmer gedrängt kam und anfing zu brüllen. “Du altes Schwein, Du ekelhafter Kerl!”, denn so freikörperkulturgewohnt wie die Menschen immer sagen, war die DDR nicht.
Herr Polgar, gerade an die süße Sängerin Nicole aus der feindlichen Bundesrepublik denkend, erschreckte sich fürchterlich und ehe er sich und seine steife Scham hinter seinen Händen verdecken konnte, bekam er eine schallende Ohrfeige, nicht von seiner Mutter, die weinend aus dem Badezimmer gelaufen war. Frau Kowalzyck, die kratzbürstige Nachbarin aus dem achten Stock, die dort alleine mit ihrer Tochter lebte – die Herr Polgar auch sehr süß fand und in seinen Gedanken auch schon öfter bestiegen hatte – schlug kräftig auf ihn ein. Sie schlug so kräftig auf ihn ein, noch jedoch ohne dem hilf- und wehrlosen, 19 jährigen Herrn Polgar, auf sein bestes Stück zu schauen, was sie dann einen Moment zögern und ihre Pupillen erweitern ließ: “Ferkel, Du schmutziges Ferkel” war alles, an was er sich noch Jahre später erinnern konnte. Und je mehr er sich gewünscht hatte diese Erinnerung zu verdrängen, desto präsenter war der Moment in seiner Erinnerung, auch dann wenn er Hand bei sich anlegte, was ihn irgendwann dazu brachte auch diesen Akt der Sexualität sein zu lassen.
Durch die Liebe zu einem Mann gemacht wurde er erst Jahre später, als seine Ausbildungsklasse die Abschlussfahrt nach Rumänien unternahm. Hatte er sich gewünscht mit Nathalie, einer aus Sachsen stammenden, kräftigen Blondine in seiner Klasse, nähere Bekanntschaft zu schließen, so wurde er bitter enttäuscht: Nathalie flog auf Gregor, von dem sie wenige Wochen später schwanger wurde. Und bei Monika blitze er ab, weil er nicht wusste wohin mit seinen Händen als sie auf der Hinreise im Bus mit dem Po gegen seine Schenkel gepresst dalag. Sie gab vor zu schlafen, dachte er, und neben einer Ohrfeige fing er sich viele Flüche ein, von denen einer sogar die Steigerung eines kleinen Ferkels gewesen ist! “Du alte Sau!”. Jahre später erfuhr er, dass Monika eine berühmte Frauenrechtlerin in der DDR geworden war, die sich vehement für die Hochzeit gleichgeschlechtlicher Paare einsetzte. Es ging in diesem berühmt gewordenen Fall um ihre eigene Liebe zu Frau Vornhagen, seiner heißgeliebten Lehrerin.
Aber schließlich lernte er am letzten Abend in einer Kneipe Rebecca kennen, eine hübsche Frau aus den Karpaten. Sie war eine rassige Frau, braungebrannt, in den Vierzigern mit Händen so groß wie Suppenteller. Nach vielen Schnäpsen schleppte sie ihn wahrlich ab und es wurde eine aufregende Nacht. Es dauerte zwar eine Zeitlang, bis Herr Polgar endlich verstand wie er sich zwischen den Beinen dieser Traumfrau bewegen musste, aber dann war es für ein Gefühl, als ob ihn Fortuna an diesem letzten Abend leibhaftig geküsst hätte. Er überlegte sogar in Bukarest zu bleiben und die Rückfahrt zu verpassen, um hier Arbeit zu finden und für Rebecca sorgen zu können, bis zu dem Moment, in dem Rebecca darauf bestand Herrn Polgars letzte 20 Ostmark zu erhalten, “als Spesen und Unkostenbeitrag”, wie sie sagte. Es dämmerte Herrn Polgar langsam, in welche Situation er sich dort manövriert hatte, lamentieren half nicht mehr und so zahlte er, begleitet von den Flüchen einer rumänischen Prostituierten, auch sie die Terminologie der Bauern benutzend.
All diese Erfahrungen führten dazu, dass man Herrn Polgars Liebesleben als traumatisch bezeichnen kann. Er hatte dann für sich beschlossen auf die richtige Frau zu warten und nicht zu verkrampfen, wenn er einer schönen Frau begegnete. Aber wie bereits erwähnt, diese Geschichte spielt in Berlin und in Berlin gibt es bekanntlich viele hübsche Frauen.
Die Wege der Liebe sind unergründlich, für Herrn Polgar, und so verbringt er seine Nächte seit langem alleine und hört statt dessen dem Treiben seiner Nachbarn zu, was manchmal zu einer kleinen Erektion bei ihm führt, bis dieser schreckliche Tag in der Badewanne wieder in seinem Bewusstsein rührt. Dann dreht er sich schnell um und schläft ein, mit Ohropax in den Ohren.
Vielleicht wäre Herr Polgar irgendwann verrückt geworden, vielleicht hätte er sich in einem schalldichten Raum verkrochen, doch dann passierte etwas, was man im Nachhinein als ein Wunder bezeichnen kann, das Wunder der Liebe.
Herr Polgar ging eines Tages schon recht zeitig aus dem Haus um ein paar Besorgungen zu machen. Wocheneinkauf, dies und jenes. Aber die Nahrung für den Bauch kann keine Nahrung für das Gehirn sein, und so beschloss Herr Polgar auch nach einem neuen Buch zu suchen. Da er die Einkäufe eh grundsätzlich alle in einem Einkaufscenter tätigt, sind es auch keine Schritte zu viel, die er tut.
In der großen Buchhandlung vor Ort, die Auswahl war riesig, gab es nur eine ruhige Stelle vor lauter Andrang. Das Regal Lyrik, “Gleich neben den Fachbüchern”, wie eine freundliche Mitarbeiterin Herrn Polgar sagte. Obwohl die Auswahl gerade im Regal Lyrik nicht sonderlich zu den Ausmaßen des Büchersupermarktes passte, vertiefte sich Herr Polgar gleich in ein paar interessante Titel. Liebesgedichte kamen für ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Frage, Brecht und Benn auch nicht. Er glaubte sich für eine Ausgabe des Wintermärchens von Heine begeistern zu können. “Das würde ich nicht nehmen”, vernahm er aus dem Hintergrund, “Ich finde die frühe Lyrik eindeutig besser”. Irritiert drehte er sich um, denn Herr Polgar wurde nie angesprochen, es sei denn er befand sich auf irgendeinem Amtsflur und wurde aufgefordert ein bestimmtes Büro zu betreten. Und jetzt schaute er überrascht in die blausten Augen, an die er sich je erinnern konnte. Vor lauter Schreck vergaß er dann auch gleich darauf zu antworten, was ein lustiges Lächeln im Gesicht der Frau, die vor ihm stand, zur folge hatte. Die Frau mit den kurzen blonden Haaren missverstand diese Sprachlosigkeit bei Herrn Polgar – es spielte sich ja immer noch in Berlin ab, der Stadt der hübschen Frauen, die Herrn Polgar so nervös machten – und sie nahm dies als Aufforderung wahr, sich ihm vorzustellen. “Ich bin Christina, ich glaube wir wohnen im gleichen Haus, hallo” stellte sie sich vor “Aber alle nennen mich Tina”. Verwundert stellte er fest, das er in der ersten Person Singular angesprochen wurde, das konnte er normalerweise gar nicht leiden einfach geduzt zu werden. Er wollte auch schon zu einer Gegenrede ansetzen mit dem Schwerpunkt der dritten Person Sing. im Kontext des öffentlich Bekanntwerdens. Aber dann bekam er weiche Knie, auch weil er seine Augen scheu etwas erhob und sich die Frau genauer anschaute. Fast hätte es ihn aus den Schuhen gehoben. Er vergaß ganz schnell alles Du und sie und wollte nichts sehnlicher als ihr mit liebevoller Stimme antworten. Aber es ist ja nun immer so, das gerade in den Augenblicken, in denen man sehr bemüht ist ein gutes Bild von sich zu zeigen, die Knie weich werden, der Hals austrocknet und die Stimme versagt, bis nur noch ein krähenartiges Kratzen zu vernehmen ist. Dazu verändert sich die Farbe des Gesichts. Als ob Herr Polgar unter der Sonne Kaliforniens spazieren gewesen wäre, so rot wird er im Gesicht. “Hallo, ich bin Herr Polgar, äh, ich meine, ich heiße Theobal, äh, Theo Polgar bin ich, hallo”.
Eine wundervolle Frau stand da plötzlich vor ihm. Eine Frau, die nur aus Berlin kommen konnte. Eine derjenigen Frauen, die Herrn Polgar immer sehr nervös machten, Theo Polgar war ein wenig durcheinander, so eine hübsche Frau sah er zuletzt, zuletzt, er wusste es nicht mehr und konnte sich darum noch weniger daran erinnern. Dann schaute Herr Polgar sie andächtig an, hatte Tina bemerkt, dass es schon fast ein Anstarren gewesen ist? “Danke, danke, für den Hinweis, ja” stammelte er noch hinterher. Doch da drehte sich Christina schon wieder um und ging. Herr Polgar warf ihr einen Blick hinterher. Diese kurzen blonden Haare gaben seiner Nachbarin etwas schalkhaftes, und diese umwerfende Figur sah aus dieser Perspektive gefährlich aus, hätte in diesem Augenblick nicht ein Kind direkt neben ihm laut geschrien, Herr Polgars Herz hätte kurzzeitig ausgesetzt. Ihm wurde plötzlich sehr warm in der Magengegend und er wollte noch eine Frage hinter ihr her brüllen, doch ein erneuter Blick auf diese fesselnden Waden brachten ihm von diesem Vorhaben ab, er hatte eine große Angst vor einem freudschen Versprecher. Als er dann zwischen ihren blonden Haaren ein Stück von ihrem Nacken erspähte, wurde aus dem warmen Magengefühl ein sträubender Nacken, denn aus seinem Unterbewusstsein erscholl ein Gefühl, das ihn an damals, an die Abschlussfahrt nach Rumänien erinnern wollte: für eine Sekunde wollte er seiner Nachbarin hinterherlaufen und ihr in den Nacken beißen, so hingerissen war er von ihr. Doch der letzte Versuch jemanden aus lauter Zuneigung zu beißen scheiterte grandios, statt eine Stimulans bei Monika zu bewirken, als er in ihren Po biss, hagelte es die bekannten Tiervergleiche. Er schüttelte sich einmal und schaute verstohlen umher und dann kaufte er die empfohlenen Frühwerke von Heine. Damit wollte er diesen magischen Moment, als ihn seine wundervolle Nachbarin ansprach, noch eine Weile weiter in sich behalten. Da funktionierte auch, bis er ein paar Stunden in der Küche sass und einen Tee kochen wollte. Tina war da schon keine magische Erinnerung mehr, sondern fast das größte Gefühl, was er glaubte je gehabt zu haben.
Aber was war es? Der liebliche Mund, diese umwerfende Figur? Dieses Gefühl sich auf einmal irgendwo in dieser großen Stadt aufgehoben vorzukommen? Anders als bei Rebecca damals, die ihn ja schließlich hängen ließ. Er betrachtete seine Nachbarin Christina in diesem Augenblick als die einzige Frau in Berlin, die ihn wahrgenommen hatte. So richtig wahrgenommen. Ihr stolzer Gang, dieses aufmerksame Gesicht und ihr Lächeln, das alles tat sie in dem Augenblick vor dem Bücherregal für Theo Polgar, so dachte er. Als ihm aufgefallen war, das er ein Lied vor sich hin pfiff, verstummte er sofort. Ihm war das natürlich unangenehm, aber Tina ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann ihm zuletzt eine Frau nicht mehr aus dem kopf gegangen war, doch sehr schnell trübte sich sein Blick bei dem Gedanken an Frau Kowalzyck.
Mit Abstand betrachtet, könnte Herr Polgar nun nicht mehr genau sagen, was er darauf hin dachte. Es könnte sich so zugetragen haben, das ihm die Lust auf einen Tee ganz plötzlich abhanden gekommen war, weil er über sich, und das an einem Vormittag, die Dielen knarren hörte. Diese Art des Knarrens von alten Holzdielen in alten Häusern, das immer zu hören ist, sobald auf den Dielen jemand hüpft, springt oder beischläft. Obwohl Herr Polgar nicht glaubte, das in seiner Nachbarschaft plötzlich jemand mit dem Nähen angefangen hatte, stellte er sich gleich bildlich vor, wie dort über ihm zwei Nähmaschinen ein Eigenleben entwickeln und über sich herfallen mit dem Plan viele weitere Nähmaschinen zu kriegen, um die Welt mit Nähmaschinen zu überfluten, was nicht schlimm wäre, aber doch, dachte er, denn dann würde er den ganzen Tag ein Ruckeln und Hämmern hören, was zur Folge hätte das er an Erektionen denken würde und damit an die Geschichte mit der Badewanne und irgendwann dann würde das dauerhafte Unterdrücken einer Dauererektion mit Sicherheit ernsthafte, gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Und eben diesen Gespenstern seiner Vergangenheit wollte er entkommen, aber das würde nur gehen, wenn er, Theo Polgar, ernsthaft mit Frauen in Berührung kommen würde, sie kennenlernt, sich mit ihnen anfreundet und so selber merken würde, dass Erotik nicht nur die Badewanne beinhalten muss oder abgedunkelte Zimmer in Hinterhöfen im südöstlichen Europa!
Nach dieser Gedankenkette ließ Herr Polgar wirklich alles stehen und liegen. Kein Teekessel, keine Nähmaschine konnten ihn aufhalten. Wenn er eine Frau kennelernen wollte, dann konnte es sich nur um seine Nachbarn Christina handeln: hatte sie ihn nicht angesprochen und so ein Zeichen von Interesse gezeigt? Oder war das alles nur geheuchelt?
Er schnappte sich seinen Schlüsselbund vom Schlüsselbund und beschloss Kontakt zu Tina aufzunehmen. Dabei versuchte er seine Gedanken auszuschalten, was ihm fast gelang. Er stieg also die Treppen in seinem Haus hoch, getragen vom Elan der Entschlussfreudigen und der Hoffnung Tina zu finden. Doch je mehr Stufen er emporstieg, desto stiller und heimlicher ging das vonstatten. Trugen ihn seine Füße gerade noch selber, so hatte er plötzlich das Gefühl auf einen Berg zu steigen. Er war plötzlich mit der Frage der richtigen Antwort beschäftigt, sollte er ertappt werden auf dem Weg nach oben. Eine Etage über ihn gab es zwei Wohnungstüren, an der Nähmaschinen Wohnung stand der Name Wolfram von Moltke, gegenüber Hassan Abdullah. ´Christina kann bestimmt nicht nähen´ ging es durch seinen Kopf. Auf der nächsten Etage, so hoch war er noch nie, standen die Namen Susanne Herder, nein, und Christina Beere, ´Ja!´
Ein wenig außer Atem stand er eine zeitlang vor der Tür und wusste weder ein noch aus. Das konnte nur Tina sein, sein Herz machte Luftsprünge. Zumindest war sein Blutdruck erhöht. Er stand eine Weile dort und überlegte welche Folgen ein Klingeln haben könnte. Gerade als ihm die Aussichtslosigkeit des Unterfangens klar wurde, öffnete sich die Tür einen Spalt und eine weiße Katze verließ die Wohnung, schnell noch das Bein von Herrn Polgar streifend. Die Katze, einen Augenblick innehaltend, sprang dann auch gleich die Treppe hinunter. `Sie hat eine Katze, sie hat ein Kuschelbedürfnis!`, denkt Herr Polgar erfreut und als er gerade etwas sagen möchte fällt die Tür auch wieder ins Schloss und Herr Polgar steht alleine auf weiter Flur. Diese Chance hatte er vertan, doch anstatt jetzt den Rückzug anzutreten – oder wie er selber immer sagte: kontrollierter Umweg – ging er entschlossen an die Türe und schellte.
Es war eine dieser berühmten Sekunden, in denen Theo Polgar so ziemlich alles dachte und wieder vergaß: gefühlte Zeit: drei Minuten, tatsächlich aber nur wenige Augenblicke. Er hörte es scheppern und poltern hinter der Tür und hoffte inständig Christina nicht zu stören: vielleicht hat sie Lockenwickler im Haar, oder kommt aus der Dusche und hat nur ein dünnes Badetuch um die Hüfte…….äh….., oder vielleicht sieht sie gerade so aus, wie man Frauen nicht unbedingt kennen lernen möchte, wenn man sie kennenlernt. Also ganz und gar nicht zu Vereinbaren mit der Phantasie die man von ihnen hat.
Trotzdem half nichts: geklingelt ist geklingelt, schon wurde die Türe geöffnet und Christina Beere stand vor ihm!
Von diesem Moment an war Herr Polgar komplett überfordert! Er wusste gar nicht wie er anfangen sollte, weil ihm just auffiel, das er sich gar keine Gedanken gemacht hatte, wie er sich vorstellen könnte oder was er denn genau sagen sollte, wenn er vor Tina stehen würde. Und weil das ja immer so ist und schon immer so war, wenn ein Mann eine Frau anspricht, die er interessant findet und unbedingt kennen lernen möchte, plapperte Herr Polgar einfach drauf los: “Guten Tag Tina, ich bin Dein Nachbar, wir haben uns vorhin schon einmal gesehen und ich glaube wir werden uns nicht irgendwo wiedersehen, weil wir bestimmt in unterschiedlichen Kreisen unterwegs sind und ich habe das noch nie gemacht aber ich glaube ich würde Dich gerne kennen lernen und würde mich freuen wenn Du einen Kaffee mit mir trinken möchtest”, wie ein Wasserfall kam es aus ihm heraus und in seinem Kopf klang nur der Nachhall und erst nachdem ihm die Dimension seiner Worte bewusst wurde schaute er etwas genauer zu Tina, die mit ihren verwuschelten, blonden Haaren in der Tür stand und noch einen Schlafstreifen im Gesicht hatte. Würdevoll stand sie vor Theo Polgar, den schönen Mund zu einem Grinsen hochgezogen antwortete diese, ganz der Situation angemessen, mit einem feierlichen Ernst, der Herrn Polgar fasst dazu gebracht hätte wie ein Vögelchen abzuheben, so fühlte er zumindest: “Ja na klar, wann hast Du denn Zeit? Ich hab jetzt leider gar nicht richtig aufgeräumt aber wenn Du magst kannst Du ja kurz reinkommen, die Katze müsste auch gleich wiederkommen.”
“Ach, Du hasst eine Katze?”
“Ja, nee, die ist nicht von mir. Eine Freundin ist jetzt im Urlaub und ich bin das Hotel Tina.”
“Dann ein Zimmer bitte, mit Frühstück!”
“Äh, was?”
Herr Polgar hätte sich am liebsten das Treppengelände runter gestürzt ob dieses Fauxpas, statt dessen reißt er sich zusammen und steht kerzengerade wie ein Zinnsoldat vor der Tür, der Stimme lauschend und den Blick gebannt in die Augen seiner Nachbarin gerichtet. Diese Stimme, so lebensbejahend und stolz, dieser leicht nasale Klang, Herr Polgar verlor sich in eine Sache, die er nicht mehr steuern konnte.
Als er Tina in die Wohnung folgte, erlebte er das liebenswürdigste Chaos, das ihm je zu Gesicht gekommen war: ein ungemachtes Bett, `bestimmt noch warm`, dachte er schnell, ein Fernseher auf einem rollbaren Podest an seinem Fußende, eine kleine Küche, in der sich die leeren Weingläser stapelten. Und seine Nachbarin Christina Beere tänzelt um ihn herum, während sie schnell bemüht ist noch ein wenig Ordnung für ihren Gast zu schaffen: “Magst Du etwas trinken, ein Glas Wein oder irgendwas anderes?”, und schon stand sie in der Küche und nahm zwei Gläser aus der Anrichte, er fühlte sich wie in Trance. “Kommst Du aus Berlin?”
Als Tina ihm dann gegenüber sass und ihre Beine auf dem Sitz anwinkelte und an sich heranzog, schaute sie ihn aus ihren blauen Augen an und wiederholte den Satz, den er hören wollte, mit dem er nicht gerechnet hatte, den Satz, der für Theo Polgar wie eine Ode an die Freiheit, die Liebe und das Leben klang: “Ja, Morgen hört sich gut an, ab Drei, unten vor der Haustür”. Und von diesem Augenblick, oder vielleicht auch etwas früher, wusste er endgültig er ist geheilt: von der fetten Nachbarin seiner Mutter und der Sehnsucht nach der einen Liebe, die für Herrn Polgar an diesem Tag erst begonnen hatte.
Der Nachtrag:
“Du Herr Polgar, wie alt bist Du eigentlich?”
“Spielt das eine große, wesentliche Rolle für Dich?”
“Es spielt eine Rolle, aber keine Wesentliche.”
“Dann ist es doch nicht so wichtig wie alt ich bin!”
“Möchtest Du denn nicht wissen wie alt ich bin?”
“Ich weiß wie alt Du bist.”
“Ich habe es Dir aber nie gesagt, weil Du nie danach gefragt hast!”
“Aber ich weiß es trotzdem!”
“Wie alt bin ich, was schätzt Du denn?”
“Das ist eine Frage, bei der ich nur verlieren kann, ich würde aber dennoch sagen das Du dreißig bist und ich bin 28.”
“Wie kommst Du darauf?”
“Tina! Ich fühle mich so, jetzt. In dieser Situation!”
“Nur jetzt, oder meinst Du für immer?”
“Tina! Was gibt es denn schon für immer?”
“Vielleicht uns!”
“Vielleicht aber auch nicht!”
“Herr Polgar? Wieso sagst Du so etwas, glaubst Du dass es nicht für immer ist?”
“Ich weiß gar nichts! Ich mein ich weiß nicht wie alt Du bist, ich mein, ich fühle einfach etwas, jetzt, heute, nicht Morgen und nicht Übermorgen, denn ich glaube an nichts, nur eines glaube ich!”
“An Gott?”
“Nein Tina, das ist es nicht. Ich glaube das es nichts für immer gibt!”
“Uns also auch nicht?”
“Das ist es doch, darum bist Du dreißig und ich Achtundzwanzig!”
“Was meinst Du damit?”
“Das wir noch genügend Zeit haben das herauszufinden!”
Am nächsten Tag erzählt Tina Herrn Polgar, dass sie nach China gehen wird, die Stelle als Auslandskorrespondentin des Radiosenders ist befristet auf zwei Jahre.